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Stockholm - irgendwo zwischen Åland und Finnland

Bericht von Jonas    Unsere Nachtruhe wird um 7:00 abrupt beendet, da dann der Wecker unseres bereits am Abend als guter Schläfer aufgefallenen Bettnachbars losgeht. Er scheint sich nicht gross darum zu scheren und zeigt erst nach einer gefühlten Ewigkeit (tatsächlich waren es immerhin etwa 10 Minuten), erste Gefühlsregungen. Um 08:30 geht dann schliesslich auch unsere Nachtruhe definitiv zu Ende, und nach einer warmen Dusche wagen wir den Gang ans Tageslich bzw. ins Restaurant. Gestärkt durch ein ausgiebiges skandinavisches Frühstück (wobei ich die Fischprodukte meinem Magen zuliebe vorerst mal nicht beachtete) geht es ins erste echte Abenteuer unserer Reise: Der Kampf mit dem Schliessfach, das wir zwecks Zwischenlagerung unserer Monster-Rucksäcke am Hauptbahnhof suchen wollen, beginnt mit der Tatsache, dass die für ein grosses Schliessfach nötigen 50 Kronen nur in 5- oder 10-Kronen Münzen eingeworfen lassen kann. Nach meiner Wechselaktion stellen wir fest, dass der Münzeinwurf ohnehin verstopft ist, und machen uns auf die Suche nach einem anderen, ebenso grossen Fach. Zuerst ist allerdinigs eine Verstümmelungsaktion mit der Nagelschere angesagt: Einer der Zahlreichen Bändel meines neuen Rucksacks lässt sich nicht mehr aus den Fängen des Scharniers befreien und muss in Stockholm zurückgelassen werden. Das zweite Schliessfach meint es nicht besser mit uns, nachdem klar wird, dass der Zentralrechner defekt ist, wird auch dieses wieder geräumt, mein lautes Fluchen wird vom oberen Nachbarkästchen mit einem harten Schlag an meinen Kopf quittiert (der mein Fluchen wiederum nicht wirklich zum Verstummen bringt). Mehr durch Glück erwischen wir schliesslich das letzte grosse Schliessfach in einem intakten Block; Die Erkundung von Stockholm kann beginnen. Mit der T10/11 geht es zum Kunstragarden, wo mich die prachtvolle Endstation an eine Geisterbahn erinnert, und von dort bei bestem Wetter zu Fuss weiter auf die Insel Kungsholmen, wo bei prächtigem Panorama auf die Altstadt die Nötzl'sche Gitarre erstmals zum Zuge kommt. Zmittag gibts im (bereits gestern abend entdeckten) Mr. Pickwick, das entgegen dem Namen vor allem mit schwedischen Spezialitäten wirbt und diese als einziges der gefundenen Restaurants zu einem angenehmen Preis anbietet (meine Fleischklösschen mit Preiselbeeren und Kartoffeln sind dann auch tatsächlich sehr gut. Etwas schwieriger gestaltet sich dann die Suche nach Wasser im gut hinter diversen Kleiderläden versteckten Lebensmittelteil des Kaufhauses am Hauptbahnhof, und bis ich dann die Suche nach einem karrierten Notizbuch aufgegeben und mir eines komplett ohne Linien gekauft habe, ist es Zeit, unsere Rucksäcke aus dem Schliessfach zu befreien und via T17/18/19, den Slussen und zu Fuss (auf Anraten der seltsamen Auskunftsperson am SL-Center am HB) das Viking-Terminal aufzusuchen. Dies stellt sich vor allem als Tortur heraus, als tatsächlich direkte Busse vom HB existieren würden, wie wir später herausfinden. Die lange Warteschlange an Check-In und Gepäckkontrolle ist schnell überstanden und wir sind kurz nach 16:00 Uhr an Bord der "Mariella", einem 2500-Personen-Schiff der Viking Lines. Wir haben auf dem Schiff keine Kabine reserviert, um Geld zu sparen, und stationieren mit unserer Seefracht auf dem Sonnendeck, wo wir nach Abfahrt (16:45) die schnell von Grossstadt zu einer perfekten Skandinavien-Idylle wechselt, zu bestaunen. Angesichts der Tatsache, dass wir die einzigen Leute auf dem Schiff mit grossem Gepäck zu sein scheinen, finden wir durch Nachfragen einen Gepäckraum, wo wir den grossen Rucksack lassen können. Wieder zurück auf dem Sonnendeck, drehen sich unsere Gespräche um diverse Themen und die Gedanken schweifen in philosophischen Anfällen bis zurück zu Kindergartenzeiten. Schliesslich wird es dann aber doch etwas kalt, und wir wechseln ans Panoramafenster auf Deck 7, bis sich dann gegen 18 Uhr unsere Mägen bemerkbar machen und wir im Café Seaside bei Lachscroissant, Japonais-Torte und einem Apfel (Nötzlis Speiseplan siehe Kommentar) die letzten Inseln Schwedens verschwinden sehen. Einige Zeit später, inzwischen am Aufschreiben unserer ersten Reiseerfahrungen an der Fensterfront auf Deck 7, erreichen wir um 22:35 die Aland-Inseln, wo unser Schiff beim Hauptort Mariehamna anlegt. Langsam dunkelt es, und die Fotos sind nicht mehr so scharf wie in Schweden. Das Schiff "Silja Symphoni" der Viking-Konkurrenz, das uns bis Helsinki verfolgen wird, steht so nah, dass ein Fotografieren unmöglich ist. Nachdem wir unsere Berichte fertig haben und eine kurze Mail- Kontrolle wenig interessante Resultate gebracht hat, stellen wir unsere Uhren auf Finnische Zeit um und spielen auf den Tischen des inzwischen geschlossenen Café drei Runden Schach auf schlechtes Französisch, wobei mir ausser der Tatsache, dass ich immerhin die dritte Runde gewonnen habe, nicht mehr viel in Erinnerung bleibt. Gegen 2 Uhr begeben wir uns in den offiziellen Schlafraum, wobei es sich um einen grossen Raum mit Teppich komplett ohne Möbel handelt. Da sich unsere Schlafsäcke im abgeschlossenen Gepäckraum befinden, machen wir es uns halt einfach im kompletter Tageskleidung auf dem Teppich bequem, während es draussen langsam aber sicher wieder hell wird...

Kommentar von Matthias   Es ist definitiv erstaunlich, wie tief manche Menschen schlafen können.Leider habe ich für die Faszination des Phänomens um sieben Uhr morgens herzlich wenig übrig. Wie auch immer, die Devise lautet "Gring ache u penne" und die nächsten einenhalb Stunden halte ich mich wacker daran. Mein Frühstück bleibt dann -wenn wundert's?- frei von kulanirschen Höhenflügen. Käsebrötchen haben's noch immer getan. Die bewährte morgendliche Stärkung zahlt sich dann auch aus, als es an die kräfteraubenden Schlacht mit dem Schliessfach-Ungetüm geht. Als allgemeine Grundregel gilt dabei: Ein freies Schliessfach ist mit einer nahezu hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit defekt, denn sonst wäre es nicht frei. Mein Rat Nummer eins: Rollkoffer mitnehmen. Mein Rat Nummer Zwei (ganz im Sinne Douglas Adams'): DON'T PANIC!
Beim wohlverdienten Mittagessen dann wieder das übliche Bild: Er schwedisch, ich italienisch. Warum auch nicht, solange es schmeckt? Nach dem Essen und unserer kurzen Einkaufstour geht es dann Richtung Hafen. Während ich die Inkompetenz unserer Auskunftsperson still verfluche, wünsche ich mir schon zum zweiten Mal an diesem Tag einen Rollkoffer. Umso grösser ist dafür die Erleichterung, als wir an Bord der MS Mariella gehen können, was vom Bordfotograph netterweise zeitgenau dokumentiert wird. (16:05:45) Das Innere des Schiffes lenkt meine Fantasie unweigerlich irgendwo in die Gegend von "Titanic" und auch das skandinavische Panorama lädt zum Träumen ein. Entgegen Jonas' Ankündigung ist mein Speiseplan für die dann folgende Mahlzeit nicht dokumentiert worden. Dafür aber die frohe Botschaft des schweizer Fussball-Triumpfes über Spanien. Man muss ja Prioritäten setzen. Zum Schluss bleibt noch anzumerken, dass das schlechte Französisch, in dem wir am späten Abend unsere Schachpartien ausfechten auf keinen Fall dazu dienen soll, irgendwelche Mängel meiner Sprachfähigkeiten zu kaschieren. Echt jetzt!

Bildergalerie vom 16.6.2010

  • 1a: In Stockholm nennt sich die Metro "Tunnelbana".
  • 1b: Die genannte Endstation "Kungstragarden" der T10/11 hat architektonisch einiges zu bieten...
  • 1c: Stockholm liegt direkt am Meer und die Schiffahrt ist allgegenwärtig. Besonders auf Skipsholmen... (dt. Schiffsinsel)
  • 2a: Die Altstadt, von Kungsholmen aus gesehen.
  • 2b: Zum ersten Mal auf der Reise ist die Gitarre in Aktion...
  • 2c: Wohl anlässlich der Bevorstehenden königlichen Hochzeit war eine königliche Wache auf Pferden unterwegs bei Kungstragarden.
  • 3a: Die verspiegelte Decke im Foyer des MS Mariella ermöglicht das erste "Gruppenbild mit Fracht"
  • 3b: Später wird das Gepäck der Einfachkeit halber aufs Sonnendeck transferiert, wo es etwas weniger stört...
  • 3c: Die Stadt Stockholm verschwindet langsam. Nach den letzten Prachtsbauten...
  • 4a: ...folgen einige Industriegebiete...
  • 4b: ...und schliesslich perfekte Schwedische Postkarten-Idylle.
  • 4c: ...
  • 5a: ...
  • 5b: Hugh! Ich habe gegessen...
  • 5c: Die Fahrt geht Nordwärts, aber auch ostwärts. Somit begleitet uns der Sonnenuntergang über mehrere Stunden...
  • 6a: ...bis es dann als die ersten Ausläufer Alands in Sicht kommen, langsam aber sicher doch noch ein bisschen dunkel wird.
  • 6b: Stimmungsbild aus dem Hafen Mariehamna.
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