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Tampere -Rovaniemi

Bericht von Matthias   Am nächsten Morgen um Viertel vor Acht entsteigen wir unseren Betten und steuern den Aufenthaltsraum des Hostels an, wo uns bereits ein gemütliches Frühstück erwartet. Nach dem Essen geht es dann auch schon an's Packen, denn der Zug nach Rovaniemi will pünktlich erreicht werden. Dem kommt entgegen, dass wir die Jugi ohne jegliche Art von Check-Out-Formalitäten verlassen können. Auf direktem Weg gelangen wir zum Bahnhof, wo noch etwas Zeit für den mittlerweile üblichen Kioskbesuch bleibt. Mit aufgestockten Vorräten steigen wir dann in den Zug nach Rovaniemi. Die Wagen hatten eine Flugzeug-Bestuhlung, dass heisst man fuhr je nach reserviertem Platz nur vorwärts oder nur rückwärts. Wir fahren rückwärts und ich schlucke schonmal präventiv meine Reise-Übelkeits-Tabletten. Der Platz fürs Gepäck ist dank der ungünstigen Bestuhlung auch sehr knapp und Jonas muss seinen Rucksack illegalerweise im Vorraum des Wagens deponieren. Während der Fahrt fröhnen wir unseren gewohnten Aktivitäten (nicht, dass wir gross Alternativen hätten): Wir lesen, hören Musik und schiessen ab und zu ein Foto. In Oulu steigen wir auf einen wesentlich gemütlicheren Zug um (von dem Jonas sicher noch etwas schwärmen wird, oder?) und geniessen eine angenehme Fahrt nach Rovaniemi, wo wir um halb Fünf ankommen.
Der erste Eindruck, der die nordfinnische Stadt auf uns macht, ist der einer nicht gerade malerischen schweizer Kleinstadt. Wir sind jedoch guten Mutes und studieren zunächst einmal den Stadtplan am Bahnhof, um die Strasse zu finden, an der unsere Jugendherberge liegt. Nachdem wir diese ausfindig gemacht haben, schnappen wir uns unser Gepäck und laufen los, im Unwissen welch gar leidige Odyssee uns bevorsteht. Zunächst steuern wir in Richtung Stadtzentrum. An einer Kreuzung biegen wir, ganz gemäss Stadtplan, nach rechts ab und entdecken nach einiger Zeit das gesuchte Strassenschild. Schon bald fällt uns allerdings auf, dass die Hausnummern eindeutig in die falsche Richtung gehen, sprich: kleiner werden. Ein anderer Stadtplan ganz in der Nähe verrät uns dann, dass sich die Strasse auf beide Seiten der oben erwähnten Kreuzung erstreckt, was uns der erste Plan heimtükisch unterschlagen hat. Wir beugen uns der Ungnade des Schicksals und durchqueren erneut die ganze Fussgängerzone. Ein ganzes Stück jenseits er Kreuzung kommt dann das Hostel Rudolf zum Vorschein. Wir wussten schon im Vorfeld, dass die Herberge keine eigene Reception hat. Stattdessen wurde gebeten, den Check-In im Hotel Santa Claus "gleich nebenan" vorzunehmen. Unnötig, zu erwähnen, dass mit "nebenan" natürlich das andere Ende der Strasse gemeint ist. Während wir in der Folge unser gesamtes Gepäck ein weiteres Mal quer durch die Stadt schleppen, verfluche ich innerlich die Organisations- und fähigkeiten der Hostelbetreiber aufs Wüsteste. Das Hotel Santa Claus entdecken wir dann einige wenige Meter von der Stelle entfernt, wo wir zuvor beschlossen haben, umzukehren. Wir checken an der Reception des nobel aussehenden Hotels ein, wobei wir natürlich nicht auf den Rabatt aufgemacht werden, der uns als Member von Youth Hosteling International zustehen würde. Was für ein Saftladen. Wir nehmen uns vor, eine vernichtende Rezension zu schreiben und kehren zurück zur Jugendherberge. Nach etwa eineinhalb Stunden können wir dann endlich unsere Zimmer beziehen.
Das Zimmer ist ganz nett. Wir haben zum ersten Mal ein eigenes Bad und einen Fernseher, wobei wir zweiteren nie benutzen. Dafür scheinen die Zimmerwände ziemlich dünn und unsere Zimmernachbarn alles andere als Leisetreter zu sein. Stichwort: Schreiende Kinder. Trotzdem sind wir froh, endlich unser Gepäck los zu werden und um eine gefühlte Tonne leichter begeben wir uns auf die Suche nach einem Abendessen. Nachdem wir diverse Burgerbrater und sonstige Take-Aways ausfindig gemacht haben und uns dem Fast-Food-Diktat schon fügen wollen, entdecken wir schliesslich in einer Seitengasse doch noch ein gemütliches Restaurant. In angenehmem Ambiente geniesse ich Pasta Carbonara, während Jonas mit Honig-Poulet vorlieb nimmt. Wir unterhalten uns gut und unsere Gemüter beruhigen sich wieder ein wenig. Nach dem Essen schauen wir uns noch den Fluss Kemijoki an, der die Stadt säumt und dem Ort anders als die stellenweise fast schon ghettoartig anmutende Stadt einen gewissen Glanz verleiht. Wir machen einige Fotos und verbringen den Rest des Abends in der Jugi, wo wir uns der Lektüre hingeben, Musik hören (an besonders prominenter Stelle hier übrigens das rychenberg'sche Robin Hood Musical) und noch bis spät in die Nacht diskutieren. Mittlerweile sind die Kinder nebenan dann auch verstummt und dem verdienten Schlaf steht nichts mehr im Wege.

Kommentar von Jonas    Bis zum Bahnhof gibt's eigentlich nichts zu berichten, danach nimmt mich die Finnische Staatsbahn voll in ihren Bann mit einer ersten Verspätung von 10 Minuten und dem Gepäck-Feindlichen Intérieur der finnischen Doppelstock-Wagen. Der grosse Vorteil: Wir haben an unserem Zweiersitz eine Steckdose in Reichweite und können beruhigt auch am Laptop schreiben. schon kurz vor 12 erliege ich dem Charme meines Tomaten-Mozzarella- Sandwiches, die Feststellung, dass finnischer Mozzarella flüssig zu sein scheint, schmälert allerdings das Ess-Erlebnis deutlich. Tatsächlich fängt mir die Reise aber erst nach Oulu richtig zu gefallen an: Die Express-Wagen sind vermutlich nicht allzu alt, auf jeden Fall mit ihrem gemütlichen Innenraum deutlich stilvoller als die Doppelstöcker. Auch die Bahnhöfe sind immer schöner: Nachdem man bereits entlang der Intercity-Strecken nicht mehr mit einem betonierten Perron rechnen durfte, fehlen bei den letzten beiden Bahnhöfe die Perrons ganz, und ausser einer Strasse, die sich im dichten Birkenwald verliert, sind keine Bauten zu sehen. So muss Wildnis aussehen! In Rovaniemi dann die ganze von Matthias erwähnte Odyssee (das kann passieren, wenn man dem Reiseleiter blind vertraut :P ), aber dafür ein angenehmes Hotelzimmer. Wobei die Sache mit dem Fernseher einer Ergänzung bedarf: Obschon er die ganze Zeit auf Standby bleibt, ist gelegentlich ein Geräusch wie nach dem Einschalten zu hören, wohl verursacht durch die Fernbedienung des Nebenzimmers, die Wände waren wohl tatsächlich dünn... Keine grosse Freude bietet uns den ganzen Tag auch das Wetter: Dichte Wolken und gelegentlich einzelne Regentropfen sollten allerdings nur einen Vorgeschmack auf das Wetter im hohen Norden werden. Den Tag beendeten wir dann übrigens mit einer Runde MasterMind, ein sehr angenehmes Spiel, da mir hier meine planerischen Fähigkeiten deutlich besser gerecht werden als beim Schach, denn es gibt keinen Gegner, der mit fiesen Tricks spielt...

Bildergalerie vom 19.6.2010

  • 1a: Der Siegeszug der Doppelstöcker führt auch nach Finnland. Wie meist sehen die Wagen von aussen irgendwie bequemer aus, als sie tatsächlich sind...
  • 1b: Dafür lassen die bequemen und fast schon nostalgischen Express-Wagen das Schaufelberger'sche Bahnherz höher schlagen...
  • 1c: Nach 800 km Bahn auf dem Finnischen Netz bieten solche Birkenwälder keinen besonderen Reiz mehr...
  • 2a: Verloren im Gehölz: Dichter Birkenwald umgibt auch die Bahnstationen im hohen Norden Finnlands.
  • 2b: Rovaniemi, "Herzen Lapplands"... Oder vielleicht eher "Schwamendingen Lapplands"?
  • 2c: Der Kemijoki, grösster Fluss Finnlands, vermag unsere bereits durch feines Essen gestärkten Gemüter definitiv zu trösten...
  • 3a: Das Hotelzimmer in Rovaniemi. Rechts oben der böse, weil selbständige Fernseher...
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