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Rovaniemi - Inari

Bericht von Jonas    Geweckt werde ich gegen 8 Uhr 15 vom Regen, der lautstark gegen die Fensterscheibe poltert. Nachdem das Handy uns um 8:30 offiziell aus dem Schlaf gerissen hätte, geniesse ich eine warme Dusche, und meine friedlich vor sich hin spriessende Baststoppelpracht wird vom Rasierer in geordnete Bahnen gelenkt. Genau zum offiziellen Check-Out-Zeitpunkt um 10 Uhr verlassen wir die Satellitenherberge voll beladen und mit Regenjacken Richtung Zentrum, wo uns der finnische OTTO zum letzten Mal mit frischen Euros versorgt. Frühstück kaufen wir im Kiosk, dann geht es zu Fuss zurück durch den Regen in den Matkahuolto (Busbahnhof) von Rovaniemi. Im warmen und gemütlichen Wartsaal verschwindet das Kioskfrühstück in meinem Magen (es besteht aus einer schon auf dem Weg hierhin getrunkenen Schokomilch, einem Heidelbeer-Smoothie und einer ganzen Schoko-Roulade). Der Bus verlässt Rovaniemi um 11:45, ein Volvo B12B mit einer einheimischen Karosserie, einsteigen können wir schon 20 Minuten vorher, da der Bus etwas früh aus Helsinki eintrifft. Zuverlässig führt uns eine leicht Handy-süchtige Chauffeuse nordwärts. Die Fahrt geht zuerst zum Flughafen, kurz darauf über den Polarkreis (der natürlich überhaupt nicht sichtbar ist... Eigentlich wusste ich das ja schon immer, aber man glaubt es erst, wenn man es sieht) und durch dichte Birken-Tannen-Wälder bis zum Knotenpunkt in Sodankylä, wo es einen kurzen Zwischenhalt und einen Schokoriegel gibt. Im folgenden wird die Strecke deutlich sehenswerter und führt nun häufig entlang von einem der vielen Tausend Finnischen Seen und Flüssen. Einen leichten Kulturschock erlebe ich in Saarisellä, einem grossen Finnischen Wintersportort, der mich an eine Art Crans-Montana in der Ebene erinnert. Die beiden kleinen Hügel in der Gegend sind komplett Baumlos (kein wunder, bei der grossen Höhe von wahrscheinlich etwa 500 Meter) und überzogen von fast flachen Skiliften. Danach geht es über die Passhöhe und rasant abwärts nach Ivalo, wo ich in der planmässigen 35-minütigen Pause mein Knäckebrot anbrauche und dazu fast geschmolzenen Schmelzkäse esse. Die letzte Etappe, die 35 Minuten bis Inari führen entlang des Inarisees, mit seinen 3300 Kilometern Uferlinie, ebensovielen Inseln und vielen verwinketen Armen nicht nur einer der grössten Seen Finnlands sondern auch einer der schönsten, die mir je untergekommen sind - Trotz des schlechten Wetters zähle ich die an diesem Tag zurückgelegten Kilometern zu den schönsten Landschaften in meinem Repertoire. In Inari angekommen, checken wir sofort ins gleich neben dem Bus gelegenen Hotelli Inari ein, das schönste (aber bisher auch teuerste) Haus unserer Reise. Nach einigen Schreibversuchen (endlich haben wir wieder mal gratis Internet) geniessen wir zum ersten Mal Rentier, Nötzli als Pastasauce, ich geschnetzelt zusammen mit Kartoffelstock und Preiselbeeren. Danach sind wir angesichts des Netzes und des gemütlichen Zimmers vor allem mit Schreiben beschäftigt, unterbrochen nur durch eine 45-minütige Foto-Runde zwecks festhalten des abendlichen Rovaniemi-Vadsö-Buskurses und der (nachdem die Sonne gegen 21 Uhr doch noch aufgetaucht ist) traumhaften Wetterstimmung. Kurz nach Mitternacht vollenden wir bei strahlendem Sonnenschein das Grundgerüst unserer Website und schalten wir endlich die ersten vier Reiseberichte auf! Danach gehts ins sonnige Bett, wo wir nach ungewohnt kurzen Diskussionen einschlafen.

Kommentar von Matthias   Auch mein Sieben-Tage-Bart muss diesen Morgen Haare lassen, als ich von Jonas Vorbild fast schon genötigt zum Rasierapparat greife. Man ist ja zivilisiert. Oder so ähnlich. Während die Rasur eher zur mühsamen Pflichveranstaltung verkommt, ist auch mir die warme Dusche durchaus willkommen. Nachdem ich all mein Hab und Gut wieder in meinen Rucksack gezwängt habe (ein ewig währender Kampf, den ich auf mir unerklärlichem Wege doch immer wieder gewinne), checken wir aus. Der Wagen für die Bettewäsche macht übrigens den Anschein, schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr geleert worden zu sein. Am Kiosk kaufe ich mir ein Pack Schockokekse, die mir später noch gute Dienste leisten werden und eine neue Flasche Wasser. Meine zwei leeren habe ich dem Hostel Rudof als Dankeschön für den überraus zuvorkommenden Service hinterlassen. Nach dem Frühstück im Warteraum des Busbahnhofes sparen wir noch einen ganzen Euro, indem ich nach meinem Wc-Gang die Türe aufhalte und wir so nur einmal zahlen müssen. Ihr wisst ja: Jeder Cent zählt! Es folgt die mehrstündige Busfahrt nach Inari. Schräg vor uns sitzen zwei Asiatinnen, die ganz dem Klischee entsprechend eifrig alles Mögliche fotographieren, all jene Dinge inbegriffen, die sich kein Mensch jemals ansehen will. "Pha, Touristen!", denke ich mir da nur und stopfe mir eines der Schockoladenguetzli in den Mund. Der feine Geschmack, hilft die Reiseübelkeit beim Busfahren zu bekämpfen. Ein echter Abenteurer weiss sich schliesslich in jeder Situation zu helfen. Etwas besorgt bin ich allerdings dann doch über die Tatsache, dass unsere Chaufeuse hauptsächlich einhändig lenkt und mit der anderen Hand das Handy in Position hält. Multitaskende Frau am Steuer. Ich verdränge den Gedanken und bereite mich seelisch auf die Überquerung des Polarkreises vor..., bis sie dann auch schon vorbei war. So ganz genau hab ich es dann doch nicht mitbekommen. Dafür ist die Landschaft, die an unseren Fensterscheiben vorbeisaust durchaus sehenswert. Während der Fahrt droht meinem iPod der Akku-Tod, denn ich will meiner empfindlichen Magengegend weder Lesen noch Schreiben zumuten.
Das Hotelli Inari liegt direkt am wunderschönen Inari-See und ist mir auf den ersten Blick sympathisch. Unser Zimmer glänzt mit eigenem Bad, massig Platz fürs Gepäck, einer guten Anti-Tageslicht-Ausstatung (bei 24-Stunden-Tagen durchaus angenehm) und gratis Internetzugang. Auch die Küche des Hauses weiss zu gefallen, obwohl..., ein Bisschen ein schlechtes Gewissen hab ich dann doch wegen dem Rentierfleisch an meiner Pasta. Ich hätte nicht erwartet das erste Ren auf meinem Teller zu sehen. In der Folge dann die 45-minütige Foto-Runde zwecks festhalten der traumhaften Wetterstimmung. Wäre da nur nicht dieser Bus, der mir im unpassendsten Moment vor die Linse fährt...

Bildergalerie vom 20.6.2010

  • 1a: Der Regen zwingt uns zu guten Verstecken für den Rucksack...
  • 1b: ...und drückt auch sonst etwas auf unsere Launen. Doch wir selbst sind ebenfalls gut verpackt...
  • 1c: Seit 80 Jahren fährt Eskelinen durch Finnland. Auch wir greifen auf die Dienste des ältesten finnischen Busunternehmens zurück.
  • 2a: Zwischen zwei von tausenden von Finnischen Seen führt unsere Strasse durch.
  • 2b: Im "Anflug" auf das (im Sommer praktisch verlassene) Saariselkä.
  • 2c: Ein Bild, das für die nächsten Tage typisch sein wird: Die nächsten 10 Tage bringt uns vor allem der Bus weiter.
  • 3a: Am späteren Abend kommt dann doch noch die Sonne. Das führt zu wunderschönen Stimmungen...
  • 3b: ...und regt zum fotografieren an.
  • 3c: Während sich Nötzli wieder mal als kreativer Kopf erweist...
  • 4a: ...bündelt sich mein Interesse auf den spätabendlichen Buss Richtung Vadsö.
  • 4b: Und ausserdem entstehen neue Texte im angenehm geräumigen Hotelzimmer.
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