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Inari - Nordkapp

Bericht von Matthias   
Und alles lässt mich glauben
In diesem Körper ist kein Zweifel
Dass wir Dinge, die im Fernern liegen
Irgendwann einmal erreichen

Noch selten kamen mir diese Zeilen aus Tomtes "Norden der Welt" so passend vor wie an diesem Morgen in Inari, als sie durch meine Kopfhörer tönen. Es ist der Tag der Königsetappe. Sechs Stunden Busfahrt trennen uns noch vom Nordkapp, dem nördlichsten Punkt Europas. Ich bin aufgeregt.
Als ersten Akt des Tages benutze ich die zimmereigene Dusche, ein immer wilkommener Luxus. Frisch gewaschen und neu eingekleidet ist der nächste Punkt auf dem Tagesplan das Frühstücksbuffet des Hotels. Für mich gibt es die Üblichen Käsebrötchen und als Zugabe zwei Mini-Muffins. Nach ausgiebigem Morgenessen verbrigen wir den Rest des Vormittags damit, die Vorzüge unseres Zimmers (namentlich Wireless LAN) auszunutzen. Ein wenig Website-Gebastel und den Kontakt mit dem Süden des Kontinents aufrecht erhalten. Um zwölf müssen wir auschecken. Das Gepäck dürfen wir auf Anfrage an der Reception im Hotel deponieren und so verbringen wir den freien Nachmittag am See. Auf einem Bänkchen am Seeufer lassen wir uns nieder und improvisieren inspiriert durch die Umgebung den Parkplatz-Blues. (Die überaus traurige Geschichte eines finnischen alkohlabhängigen Fischers, der auf dieser Bank seine grosse Liebe fand und wieder verlor und schliesslich auf dem Grund des Inari-Sees sein Ende fand.) Während des Nachmittags erkunden wir die Gegend um das Hotel und werden dabei immer wieder mit kurzen Mini-Regenschauern beglückt. Wir kehren ins Hotel zurück und tragen bei Cola und heisser Schokolade einige Partien Schach aus, wobei uns ein Einheimischer auf finnisch kluge Ratschläge zu erteilen versucht. Mangels Sprachkenntnissen können wir von ihnen leider nicht profitieren.
Um fünf kommt dann der Bus. Wir haben das Glück, Sitzplätze in den vordersten Reihe zu ergattern (aufgrund des halb leeren Buses keine Überraschung) und geniessen während der Fahrt beste Aussicht. Nach einiger Zeit setzt sich ein Deutscher neben uns und stellt sich als Oli vor. Er hat eine Kamera dabei und filmt während der Fahrt häufig. Ausserdem spricht er viel und schnell und überfordert damit unsere schweizer Ohren ein wenig. Ausserdem scheint er ein leidenscschaftlicher Bierliebhaber zu sein. Seine zwei Kumpels, der eine hiess Dennis, lernen wir beim nächsten Zwischenstop kennen. Dennis redet eher selten fographiert aber häufig. Die Fahrt über die finnischen Strassen erinnert derweilen mehr an eine Achterbahn-, denn an eine Busfahrt. Bei Tempo 90 wirkt die hügelige Piste mehr wie eine endlose Reihe von Schanzen und mein Magen hängt demzufolge immer irgendwo in der Region zwischen Kehlkopf und Rachen. Entsprechend froh bin ich, als wir bei einem Kiosk nahe der Landesgrenzen einen nächsten Stopp einlegen und sich meine Innereien wieder etwas beruhigen können. Nach einer halbstündigen Pause geht die Fahrt weiter, doch schon nach wenigen Metern stehen wir an der Grenzkontrolle, wo eine Beamtin in Begleitung eines Drogensuchhundes eine Inspektion vornimmt. Einige Minuten später dürfen wir passieren und wir lassen die finnisch-norwegische Grenze erfolgreich hinter uns. Der Staatenwechsel macht sich recht bald am Fahrgefühl bemerkbar. Im Gegensatz zu ihren finnischen Kolegen scheinen die norwegischen Strassenplaner nämlich erkannt zu haben, dass man einen Hügel nicht zwnagsläufig überqueren muss, sondern ihn auch umfahren könnte. Mein Magen dankt an dieser Stelle dafür. Aber auch im Antlitz der Landschaft macht sich Veränderung breit. Die Wälder werden wieder dichter und zum ersten Mal seit langer Zeit sehen wir so etwas wie Berge. Als sich dann im Tal zu unseren Rechten dann auch noch erste Ausläufer des Polarmeeres zeigen, sind wir ganz hin und weg. Im späteren Verlauf der Fahrt müssen wir noch diverse Tunnels durchqueren, wovon uns einer auch unter den Meeresspiegel führt. Vor dem letzten Tunnel werden wir angehalten und müssen wegen laufenden Tunnelarbeiten eine Pause einlegen. Oli geht eine rauchen. Jonas fotographiert unseren Bus. Aus dem Radio klingt die Zeile "This is the end of the world as we know it". Ich muss grinsen. Nach einer Viertelstunde geht die Fahrt weiter. Wegen Nebels im Tunnel müssem wir dabei in gemächlichem Tempo einem Wagen mit Signallampen folgen. Die Anweisung, angebracht auf einem Schild auf dem Wagendach, ist unmissverständlich: "Følg meg". Nach dem Tunnel kommen wir an Honningsvag vorbei, dem Dorf, wo wir die nächsten Tage verbringen würden. Dann geht es langsam aber stetig rauf zum Kapp. Auf dem Weg kommen uns zahlreiche Busse voll mit Touristen entgegen. Wir scheinen nicht die einzigen Besucher des Tages zu sein. Um halb elf kommen wir an. Schon aus der Ferne hat man die zahlreichen Reisebusse sehen können, die auf dem grossen Parkplatz vor der Nordkapphalle stehen. Auch wir dürfen die Schranken nach einem stolzen Eintrittspreis von 35 Euro pro Person passieren.
Die Nordkapphalle selbst dient vor allem dem Zweck, die zahllosen Touristen mit ausreichend Souvenirs, Essen und Hotelzimmern zu versorgen. Unsere Aufmerksamkeit gilt allerdings zunächst dem Ort, den wir jenseits der gegenüberliegenden Glastür erkennen können. Wir öffnen die Tür und treten hinaus auf die nördlichste Klippe des Kontinents. Es ist kalt und windig. Vor der grossen metallernen Skulptur eines Globus treten sich die Touristen, die es besonders eilig haben gegenseitig auf die Füsse um ein Platz für ein schönes Errinnerungsfoto zu ergattern. Ich ignoriere das Hauptsujet zahlreicher Postkarten derweilen und werfe stattdessen lieber einen Blick hinab über die Klippe. Vom unteren Ende der Felsen bis hin zum Horizont erstreckt sich die scheinbar endlose Weite des Polarmeeres, bis sie sich im Nebel verliert. Für einen kurzen Moment war ich sogar bereit zu glauben, dass es irgendwo da hinter dem Nebel liegt, das Ende der Welt. Bis mich die lautstarken Stimmen der fotographierenden Touristen wieder auf den Boden der Realität zurück holten. Was unsere Stimmung allerdings etwas trübt, ist die Tatsache, dass der ganze Himmel über und über mit grauen Wolken bedeckt ist. Kein Bisschen Mitternachtssonne bekommen wir zu Gesicht. Wir sind enttäuscht. Zur Frustbekämpfung begeben wir uns in den Souvenirshop und decken uns mit Postkarten und Nordkapp Shirts ein. Nach den obligatorischen Erinnerungsfotos entscheiden wir uns gegen unseren ursprünglichen Plan, die Nacht auf dem Kapp zu verbringen und mit dem Bus am nächsten Mittag ins Dorf zurück zu kehren. Es kommt Regen auf und draussen ist es bitterkalt. Wir nehmen also den letzten Bus um halb Eins zurück nach Honningsvag. Unsere deutschen Freunde lassen sich währenddessen das Abenteuer der Übernachtung nicht nehmen, sind sie doch mit acht Litern Bier bestens gerüstet. Ihr Schicksal ist bis heute unbekannt. Mit dem Bus und einem Hauch von Enttäuschung geht es zurück nach Honningsvag. Doch die Nacht ist noch jung...

Kommentar von Jonas    Auch mein Tag beginnt grundsätzlich mal mit einer warmen Dusche (wobei die Tatsache, dass ich mit meinen Riesenfüssen den Abfluss verstopfe, zu einer kleineren Überschwemmung führt) und einem guten skandinavischen Frühstück. Angesichts der Tatsache, dass im hohen Norden das Gemüse in den Supermärkten nicht immer vorhanden ist und auch meine im südlichen Norden zum Standard gewordenen Smoothies diversen Kaffee-Produkten gewichen sind, ist das Gemüse in den Frühstücksbuffets bald schon mein einziger Vitaminlieferant. Die Zeit in Inari geht trotz der Kälte schnell vorbei, und wie Matthias schon erwähnt hat, werden auch Kontakte mit Einheimischen geknüpft (ich meine, in den Finnischen Tipps des alten Herren so etwas wie "durehebe" verstanden zu haben - zu einem Sieg im Schach hat es dann doch nicht gereicht). Der Bus, diesmal ein Scania und mit einem männlichen, aber dafür scheinbar renn-erprobten Fahrer, erreicht bereits den Grenzort Kaarigasniemi rund 10 Minuten zu früh. Über die Finnische Strassenbaukunst kann ich nur staunen - Für eine Beschreibung des selbst von mir als Achterbahn empfundenen Stücks zwischen der Abzweigung von der Hauptstrasse in Kaamanen und der Grenze muss die Bildergalerie herhalten, mir fehlen die Worte! Wie schön sich dann doch die Norwegischen Strassen anfühlen, als wir durch das kulturelle Zentrum der Samen mit dem Samischen Parlament in Karasjok fahren, und weiter in die immer kargere Vegetation von Porsanger. Spannend wird die Strasse nach der letzten Pause in Olderfjord: Nicht mehr immer breit genug zum kreuzen, zum Teil direkt in den Fels gehauen und mit Tunnels durchsetzt ist sie, und ich bin froh, dass ich die im Reiseführer angedrohte Wohnmobil-Flut nicht zu sehen bekomme - das Wetter ist wohl zu schlecht für einen kurzfristigen Besuch am Ende der Welt. Bis Honningsvag wird es immer unwahrscheinlicher, dort oben die Sonne zu sehen (die sich über Finnland noch gut hält), und die grosse Flut von Linienwagen, die uns vom Nordkapp kommend voll von Kreuzfahrt-Touristen entgegenfährt, kann meine Laune nicht ernsthaft heben, denn trotz heiterheller Nacht ist es zu dunkel für scharfe Fotos! Am Kapp-Eingang dann die erste finanzielle Sorge: Wir können den Eintritt nicht mit Chipkarten begleichen, und für Eintritt und die Rückfahrt per Bus reichen die bereits vorhandenen 1000 Kronen knapp nicht aus. Wir bezahlen dann bar in Euro (was uns einen Bar-Zuschlag kostet) und unsere Souvenir-Käufe können wir sogar mit Maestro begleichen. Während der letzte Streifen Sonne am Horizont verschwindet, schreiben wir also die wichtigsten Postkarten und machen wir nach dem Entschluss zur Rückkehr ins Dorf die Erinnerungs-Fotos mangels Kooperationsbereitschaft der Touristenheit selbst (schlechter werden sie erstaunlicherweise auch nicht). Kurz nachdem wir in den Bus einsteigen, bestätigen übrigens die ersten schweren Regentropfen unseren Entscheid zum Aufbruch - minderstens fürs erste...

Bildergalerie vom 21.6.2010

  • 1a: Die Finnische Achterbahn: Gefällsbrüche von 10% Steigung zu 9% Gefälle sind keine Seltenheit und werden mit 90 km/h befahren...
  • 1b: Wie schön dagegen die Norwegischen Strassen. Auch die Wälder sehen ausserhalb der EU gleich vertrauter aus...
  • 1c: Nach Lakselv machen wir erstmals Bekanntschaft mit dem Nordpolarmeer...
  • 2a: ...und bei der Pause in Olderfjord mit dem norwegischen Preisniveau. Besser das Essen selbst fangen!
  • 2b: Traumstrasse für Jonas (für Matthias wird sie ein Paar Tage später zum Alptraum) kurz vor dem Untersee-Tunnel.
  • 2c: Der letzte Stop vor dem Ende der Welt: Baustellenbedingter Halt vor dem Tunnel. Links im Bild der gute Oli (für einmal nicht am schwatzen).
  • 3a: Die unglaubliche Weite des Norpolarmeeres führt dazu...
  • 3b: ...dass wir wenigstens ganz entfernt so etwas wie die Mitternachtssonne erahnen können.
  • 3c: Die beiden Gruppenfotos mussten wir leider selbst schiessen...
  • 4a: ...
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