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Honningsvag

Bericht von Jonas    Obschon die Nacht bisher keinen Schlaf gebracht hat, ist es ein böses Erwachen in Honningsvag: Sämtliche möglichen Untersteh- oder Aufwärm-Möglichkeiten öffnen nicht vor 8 Uhr morgens. Jetzt ist 1 Uhr 30... Nachdem ich eine Halbe Stunde das ganze Dorf durchsucht habe, beginnt es zu regnen und ich gehe zurück zum Busbahnhof, wo Nötzli mit dem Gepäck wartet. Gegen halb zwei beschliessen wir, das Dorf anschauen zu gehen, um uns zu Fuss etwas warm zu halten. Angesichts des schweren Gepäck wird es ein kurzer Spaziergang und nach einer Viertelstunde postieren wir uns auf den Sitzbänken vor der Post und frühstücken (Knäckebrot mit viel zu warmer Tonpaste - eigentlich ein Wunder, dass ich diese ohne Magenbeschwerden überstehe). Eingewickelt in Pellerine, mit Trainer- und Regenhose versuchen wir, uns einigermassen warm zu halten und nicht einzuschlafen. Gegen halb vier entdecke ich, dass der Vorraum der Bank geöffnet ist und wir uns am Bankomat bereits jetzt mit den nötigen Kronen für die Jugendherberge ausstatten können (geplant war, dies gleich um 9:00 morgens zu tun und dann zur JH zu laufen. Nachdem wir die Kiste gemolken haben, laden wir die Rucksäcke auf und gehen zu Fuss die halbe Stunde zur Jugendherberge, wo wir uns einfach mal vor den Eingang setzen und warten. Nach einiger Zeit, es dürfte irgendwann nach 5 Uhr gewesen sein, wagt sich eine deutsche Radfahrergruppe aus der Herberge und lässt uns herein in die Reception (die gegen 8 Uhr öffnen wird). Hier warten wir nun müde, aber zufrieden über die Wärme auf Personal, unterbrochen durch eine Fotosession oben an der Hauptstrasse gegen 7 Uhr, um den ersten Bus des Tages auf Festplatte zu bannen. Gegen 8 Uhr erscheint eine schlecht englisch sprechende Frau an der Reception und gibt uns nach den üblichen Formalitäten die Raumschlüssel mit den Worten: "Go sleep, you are tired". Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, und gegen 8:00 liegen wir in unseren beiden Betten des bis jetzt leeren 6er-Zimmers. Meine nächste Erinnerung datiert von 18 Uhr, als ich erwache und kurze Zeit später auch Nötzli meinem Beispiel folgt. Wir begeben uns in den Aufenthaltsraum, wo bereits einige Norweger am fernsehen sind, und verspeisen unseren kargen Znacht (TUC, Brot und einige Scheiben Rauch-Käse). Trotz der Müdigkeit wagen wir uns an weitere Reise-Aufzeichnungen, zumal die anderen Herren mit Fernsehen und Bier trinken voll beschäftigt sind und die später dazukommende Norwegische Familie (mit einer durchaus hübschen Tochter) ebenfalls keine Anzeichen macht, ihre Augen vom Gerät zu wenden oder gar ein Gespräch zu beginnen (wir sehen wohl auch umwerfend aus mit Trainer und müden Augen). Nach 21 Uhr gehts dann bereits wieder Richtung Bett, doch das Schlafen will einfach nicht so richtig gelingen diesmal. Nach mehreren Gängen aufs WC und iPod-Sessions gelingt es mir gegen Mitternacht dann doch, die kreischenden Möven und die knatternden Fahnen vor dem Fenster zu überhören, und ich schlafe definitiv ein...

Kommentar von Matthias   Es ist wirklich verdammt kalt in dieser viel zu langen Nacht. Der Wind bläst unbarmherzig und unsere Müdigkeit tut wohl auch ihren Teil dazu, dass wir trotz Jeans, Trainer- und Regenhosen, Pullover, und Jacke noch bibbern wie Birkenlaub. Und während der ganzen Zeit die selbe eine Frage, die in meinem Kopf rotiert: Wo zur Hölle sind meine Handschuhe wenn ich sie mal brauche. In Winterthur natürlich. Es ist ja nirgends richtig kalt im Hochsommer. Dachte ich zumindest. Zu allem Übel vergeht die Zeit während dem Nichtstun so unerbittlich langsam, dass ich zeitweise schon glaube, die Zeiger meiner Uhr wären eingefroren. Als ich schon glaube, mein Ende als menschlicher Eiszapfen vor der Honningsvager Jugendherberge zu finden, höre ich plötzlich Geräusche von jenseits der Türe. Meine Lebensgeister erwachen und ich horche mit der von ureigenen Überlebensinstinkten gechärften Wahrnehmung. Mein Herz hüpft merklich, als ich höre, wie die Schrittgeräusche näher kommen und ich kann es kaum fassen, als sich die Türfalle tatsächlich langsam nach unten bewegt. Als der deutsche Radfahrer uns dann die Tür aufhält und uns deutete herein zu kommen, fühle ich mich wie im siebten Himmel. Noch selten ist Wärme so schön gewesen. Ich möchte an dieser Stelle noch erwähnt haben, dass ich selbstverständlich nicht an der frühmorgendlichen Foto-Session teilgenommen habe. Ich bin doch nicht verrückt und gehe da freiwillig nochmals raus! Wie auch immer. Wir müssen wirklich totmüde aussehen, dass uns die Receptionistin vier Stunden vor dem eigentlichen Check-In ein Zimmer zugesteht. Ich schlafe bis Mittags um eins und dann nach kurzem Gang zur Toilette auch gleich weiter bis Abends um Sechs. Im Aufenthaltsraum verfolge ich halbwach das norwegische "Wer wird Millionär" und hätte die Fragen selbst in diesem Zustand noch besser beantwortet. Also die, die ich verstanden habe. Es folgt der Match Argentinien-Griechenland und die Tatsache, dass ich trotzdem gegen neun beschliesse ins Bett zu gehen zeugt durchaus von meiner immer noch vorhandenen Müdigkeit. Allerdings hält mich der Gedanke an die noch zu erledigenden Tagebuch-Einträge - Ich bin noch immer ein Meister des Aufschiebens - dann doch vom Schlaf ab. Bei nächtlichem Taschenlampenlicht mache ich mich ans Aufarbeiten der vergangenen Tage.

Bildergalerie vom 22.6.2010

  • 1a: Der Bus zurück in die Zivilisation...
  • 1b: Unsere einzigen Gefährten in einer langen Nacht: Kämpfende Möven.
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