Zur Startseite|Vorheriger Tag|Nächster Tag

Honningsvag-Hammerfest

Bericht von Jonas    Nur zweimal auf unserer Reise ist ernsthaft frühes Aufstehen zwingend nötig, um weiterzukommen. Heute ist das erste davon: Um 05:45 läutet mein Handy-Wecker uns aus dem Schlaf, und angesichts des immer noch schlechten Wetters kommt der Tag nicht so richtig in Schwung. Wir packen, trinken im noch fast menschenleeren Speisesaal (Frühstück gibt's erst ab 7:00) ein Glas Sirup und machen uns dann auf durch die Kälte zur Bushaltestelle Gammelveien (Alter Weg), wo wir den bereits hier, 1.5 Kilometer vom Linienanfang entfernt, um 15 Minuten verspäteten Bus Richtung Alta besteigen. Er ist schon hier gut ausgelastet, weshalb wir fast zu hinterst Platz nehmen. Das ist wohl zusammen mit dem Versuch, Tagebuch zu schreiben, Hauptgrund dafür, dass sich mein Sitznachbar, während ich die Landschaft entlang der schmalen und kurvigen Küstenstrasse geniesse, vor allem darauf konzentriert, seinen Mageninhalt in seinem Verdauungsorgan zu konzentrieren. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er es schafft, und die frische Luft bei der Pause in Olderfjord führt dazu, dass ich die weitere Fahrt ohne Angst vor einem allfälligen Ueli-Ruef von Nötzli geniessen können. Nachdem wir in Skaidi schliesslich auf ein älteres Vehikel umgestiegeen sind, stellen wir fest, dass wir die einzigen Touristen sind, die nach Hammerfest fahren. Alle anderen Reisenden kennen sogar den Chauffeur persönlich und sind entsprechend weniger interessiert an der Szenerie, die einmal mehr grossartig ist. Die kleine Touristenquote erstaunt uns umso mehr, als wir die Stadt erreichen: Obschon sie uns mit einigen Baustellen empfängt, fühlen wir uns sofort wohl in der vor allem von Ölarbeitern und Fischern bewohnten Kleinstadt (die nördlichste Stadt der Welt). Das Hotel ist nach einer halben Stunde auf direktem Weg erreicht, wobei der Ausblick auf einen See und auf unberührte Gebirgsnatur für den weiten Weg mehr als entschädigt. Schon um viertel vor 11 dürfen wir einchecken, und das gemütliche Dachzimmer im Hotel Skytterhuset lässt mich zur Aussage verleiten, dass ich hier irgendwann mit Frau und Kindern wieder mal auftauchen werde (wobei die Tatsache, dass bei meinem "Arbeitstempo" eine Familie wohl noch länger auf sich warten lässt, auf unserer Reise immer mal wieder diskutiert wird). Kurz vor Mittag wandern wir über den schönen Hausberg mit trotz regnerischem Wetter perfekter Aussicht auf die farbige Stadt ins Zentrum, wo wir dank der Ankunft des Hurtigruten-Schiffes in einen kleineren Bankomaten-Stau geraten. Im Coop decken wir uns schliesslich mit etwas Käse für den Znacht ein, zum Zmittag gibts Ostepolser med Bacon (Käsewürstchen mit Speck). Nachdem die Massen der Hurtigruten die Stadt bereits wieder verlassen haben, gehts zu Fuss um den Stausee (auf etwa 10 m.ü.m.) zum ersten Wasserkraftwerk Europas und dem hoch gelobten interaktiven Museum "Energihuset", das aber leider geschlossen scheint. Zurück im Zimmer, sind wir aufgrund des immer noch schlechten Wetters einmal mehr vor allem lesend und schreibend beschäftigt, zum Znacht bewegen wir uns immerhin in den Aufenthaltsraum, wo wir Knäckebrot und Scheibenkäse (der mich leider an Emmentaler erinnert) verspeisen. Früh wie schon lange nicht mehr sind wir um neun Uhr bereits bettfertig - wir sind ja auch schon lange wach und am Folgetag wartet eine lange Busetappe auf uns. Die Vorhänge sind aber einmal mehr zu dünn für ihren Zweck, weshalb wir uns nach längeren einschläfernden Diskussionen noch mit einer Runde Schach müde machen. Nötzli scheint allerdings bereits müde zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, dass ich seine grosse Überlegenheit immerhin noch in ein Patt wandeln kann...

Kommentar von Matthias   Ich habe es für eine gute Idee gehalten, im Bus zu schreiben und die Fahrzeit zu nutzen, um mein Tagebuch wieder auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Es war eine blöde Idee. Während ich noch auf der Hinfahrt die angenehmen norwegischen Strassen gelobt habe, schlägt mir jetzt jeder noch so kleine Schlenker auf den Magen. Während Reisetabletten weitgehend wirkungslos zu sein scheinen, leisten mir meine treuen Begleiter, die Schoggi-Guetzli, auch auf dieser Fahrt wieder gute Dienste und gewinnen zusammen mit der frischen Luft den Kampf gegen den Drang, meinen Mageninhalt dem Kollektiv aller Buspassagiere zugänglich zu machen. Dass die Anzahl eben dieser Passagiere so klein ist, erstaunt wirklich, denn Hammerfest ist wirklich ein schönes Städchen. Die Stadt, deren Namen in meinen Ohren wie aus einem Fantasyroman entsprungen klingt, vermag die Weite des Meeres auf äusserst idyllische Weise mit einer Bergwelt zu kombinieren. Sollte der Meeresspiegel jemals um 1000 Meter steigen, würde die Schweiz wohl so aussehen, denke ich mir. Auch zu gefallen wissen die immer wieder auffällig farbigen Häuser, die man in Norwegen zu sehen bekommt. Auch unser Hotel ist in typischem norwegischem rot gehalten, mit passend zur Flagge blauen Fenster und Türrahmen. Die Bank, die wir zwecks Geld abheben aufsuchen, glänzt unterdessen durch Münzwechselautomat und E-Banking-Terminal. Dabei wäre uns doch mit mehr als einem einzigen Geldautomaten schon geholfen. So hilft nur anstehen. Wenigstens bekommen wir für unser Geld dann auch eine gute Wurst und, nachdem man uns deswegen extra nochmals zurück in den Laden gerufen hat, auch noch das inbegriffene Getränk. Ein gutes Preisleistungs-Verhältnis bietet dann auch das vielgelobte Energiehuset. Wir zahlen nichts und kriegen nichts zu sehen. Da kann man nicht klagen.

Bildergalerie vom 24.6.2010

  • 1a: Hammerfest vom Haus-"Berg" gesehen. Faszinierend ist vor allem, wie schön sich das Hafenstädtchen in die karge Landschaft einpasst.
  • 1b: Die Verbindung von Eismeer und Bergland in absoluter Perfektion: Eine der zahlreichen vorgelagerten Inseln.
  • 1c: Die Rentiere wagen sich bis weit in die Stadt hinein (hier eine Aufnahme vom Vorplatz des Hotels aus)...
  • 2a: ...wobei Stadt eigentlich ein schlechtes Wort ist für die Berg-See-Siedlung, die sich vor unserem Zimmerfenster auftut.
  • 2b: Übrigens ist das Hotel Skytterhuset ein Geheimtipp für gemütliche Menschen ;-)
Zur Startseite|Vorheriger Tag|Nächster Tag