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Bodø - Grong

Bericht von Matthias    Um 4 Uhr morgens legt die Fähre in Bodø an. Die meiste Zeit während der Überfahrt haben wir geschlafen. Wir verlassen die Fähre durch den Ausgang am Bug, der mich von aussen betrachtet an einen riesigen aufgesperrten Haifischrachen erinnert. Ganz in der Nähe der Anlegestelle finden wir einen Wartsaal, der glücklicherweise schon geöffnet hat. Obwohl er eigentlich für Passagiere der Hurtigruten gedacht wäre, haben wir angesichts von Tageszeit und Temperatur keinerlei Skrupel, es uns darin gemütlich zu machen. Zum Zeitvertreib lesen wir hauptsächlich und arbeiten wir an unseren Tagesberichten. Um halb Acht öffnet der Bahnhof seine Pforten und wir verlegen unseren Standort in den dortigen Wartebereich, wo ich auf einer Sitzbank ein weiteres Stündchen Schlaf finde. Geweckt werde ich von Jonas, weil ich ein Auge auf unsere Gepäck werfen soll, während er sich auf den Weg zum Touristinfo macht. Ich tue, wie mir geheissen. Mit dem ersten ankommenden Zug findet eine Gruppe Schweizerinnen den Weg in die Bahnhofsräumlichkeiten. Jonas kommt inzwischen wegen PC-Problemen mit wenig neuen Informationen, dafür aber mit Essen von seinem kurzen Ausflug zurück. Wir kommen mit den Schweizerinnen ins Gespräch, tauschen uns über unsere Reiserouten und erzählen von unseren bisherigen Erfahrungen. Kurz nachdem unsere Landsmänninen sich verabschiedet haben, taucht dann auch schon unser Zug auf. Als wir das Wageninnere betreten, vergewissert sich Jonas gleich mehrmals, ob wir nicht in der ersten Klasse gelandet sind. Das stilvolle Wageninterieur wäre dem durchaus angemessen, aber alles hat seine Richtigkeit. Wir geniessen den Komfort während der Fahrt nach Grøng und fechten mal wieder ein Schachduell aus, aus dem ich siegreich hervor gehe (aber wir haben ja auch eine lange Nacht hinter uns...). Ansonsten lesen wir gewohnt viel, bestaunen die vorbei ziehenden Landschaften und dösen von Zeit zu Zeit mal wieder kurz weg. Als uns gegen Abend der Hunger überkommt, essen wir im Bistro des Zuges Pizzabrote. Um 19:05 Uhr hält der Zug in Grong. Zu Fuss suchen wir uns vom Bahnhof aus den Weg zur Jugendherberrge, wo wir nach gut 40 Minuten Laufzeit auch ankommen. Wir checken gleich ein und beziehen ein nettes Zweierzimmer in einem der Hostelgebäude. Im Aufenthaltsraum, wo wir kurze Zeit später nach dem W-Lan-Passwort suchen, machen wir Bekanntschaft mit einem 40-jährigen Schweizer Informatiker, der mit dem Motorrad in Norwegen unterwegs ist. Nach einer kurzen Unterhaltung über unsere Studiumspläne, während der er uns erzählt, dass er vor kurzem sein ETH-Studium abgebrochen hat, ziehen wir uns für den Rest des Abends in unser Zimmer zurück und aktualisieren unsere Webseite. Nachdem wir uns noch mit den neusten Neuigkeiten aus der Schweiz vertraut gemacht haben, ziehen wir die Vorhänge - richtig dunkel wird es hier noch nicht - und holen uns die dringend nötige Kappe Schlaf.

Kommentar von Jonas    Eigentlich wäre ja geplant gewesen, dass wir am Morgen die Sonne in Bodø geniessen, den letzten Morgen über dem Polarkreis. Daraus wurde wegen Nebel eben nichts, aber der Hurtigruten-Warteraum rettete uns vor einem erneuten kalten Warten. Nachdem wir uns in den Bahnhofs-Warteraum versetzt haben (der einzige Ort im ganzen Bahnhofsareal, der keine Baustelle ist), versuche ich, wie von Nötzli angedeutet, in der Tourist-Info den dringend benötigten Zugang zu Internet-Karten zu bekommen, was sich aber dank Windows 95 und einem schlechten Rechner als relativ kompliziert herausstellt. Mein ausgiebiges Frühstück mit Smoothie und Schokomilch entschädigt mich allerdings für die Mühen. Später dann, im Zug, verspeise ich endlich wieder einmal einen richtigen Salat - hätte mir vor 5 Jahren jemand gesagt, dass ich einst Salat vermissen würde, ich hätte ihn für Verrückt erklärt! Der Wagen (Typ BC5) ist tatsächlich sehr stilvoll - nur 3 Sitze pro Reihe und viel dunkles Holz im Intérieur - am nächsten Tag finde ich heraus, dass er nicht zum Standard dieser Züge gehört und eigentlich im Nachtzug als Ruhesesselwagen fahren müsste. Den schönsten Streckenabschnitt im Gebirge inklusive Polarkreis-Überquerung verschlafe ich übrigens trotz allen Gegenmitteln inkl. Coca Cola; Dabei habe ich extra vom Nachtzug abgesehen, nur um diese Strecke zu sehen (ich werde wohl wieder einmal in die Gegens reisen müssen ;-)) In Grong frage ich extra den Buschauffeur, welcher der beiden Busse denn nun ins Dorf fahre - seine Antwort ist so unverständlich, dass wir den Weg zu Fuss einschlagen und erst am nächsten Morgen erfahren, dass es tatsächlich einen Bus gegeben hätte. Im Hostel staune ich nicht schlecht, als ich mich in die Gästeliste eintrage: Oberhalb von mir steht ein Herr aus Winterthur, der erwähnte Informatik-Student. Der Herr informiert mich dann überflüssigerweise darüber, dass meine Socken etwas seltsam riechen, was ich selber schon bemerkt und deshalb bereits Gegenmassnahmen eingeleitet habe (hauptsächlich den Rückzug ins voraussichtlich letzte Zweierzimmer der Reise). Meine Socken aus Kabelvag sind inzwischen einigermassen trocken, und damit steht der olfaktorischen Entlastung nichts mehr im Wege.

Bildergalerie vom 1.7.2010

  • 1a: Es fehlt nicht mehr viel bis zur Sonne (aber etwa vier Stunden bleibt die Nebelbank tatsächlich regungslos über Bodø liegen...)
  • 1b: Die langen Busetappen sind vorbei, die nächsten 7 Stunden zieht uns eine Di4 durch Norwegen.
  • 1c: Erstaunlich komfortabel für 2. Klasse: Unser "Nostalgiewagen" (Baujahr 1981) im IC nach Trondheim...
  • 2a: ...lädt definitiv zum chillen ein!
  • 2b: Und auch südlich des Polarkreis präsentiert sich der Norden genau so, wie man ihn erwartet.
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